Sonntag, 25. Juni 2017

Mit Verspätung zurück ins normale Leben

Für den heutigen Tag habe ich mir nicht allzu viel vorgenommen. Ich habe mich mit Peter um 7:45 Uhr verabredet, um am deutschen Gottesdienst in der Kathedrale teilzunehmen. Diese hält der gleiche Pfarrer wie im vergangenen Jahr. Er spricht heute über Johannes den Täufer und spendet allen, die Santiago verlassen, einen persönlichen Segen. Der Gottesdienst ist sehr emotional und stellt für mich neben dem Abschied auch die Vorfreude auf zuhause, die Familie, dar. Eine schöne Zeit ist nun zu Ende und es gilt wieder den Schritt in den Alltag zu machen.
Nach der Messe gehe ich mit Peter noch ins San Martin frühstücken und bin ihm bei der​ Planung seiner Reise nach Fisterra behilflich. Den Rest des Tages verbringe ich in der Stadt und treffe noch einige Wegbegleiter der letzten Tage. Auch Ben erreicht schließlich im Laufe des Morgens Santiago. Es freut mich, ihn noch einmal zu sehen, um mich jetzt endgültig von ihm zu verabschieden. Wir hatten eine schöne Zeit miteinander und wir werden in Verbindung bleiben.
Nach einem Bummel über den Markt - "mein" Pulpo-Koch ist leider nicht vor Ort - suche ich noch nach meiner diesjährigen Pilgermuschel und werde überraschend schnell in einer privaten Herberge fündig.  Gegeb 13:30 Uhr treffe ich mich mit Jürgen vor unserer Herberge. Wir fahren mit dem Taxi zum Flughafen, wo es gegen 16:00 Uhr wieder nach Hause gehen soll.  Am Abend kann ich dann wieder meine Lieben in die Arme nehmen.
Doch wir kommen erst rund 2:30 Stunden später von Santiago weg, da unser Flugzeug mit deutlicher Verspätung aus Palma landet. Wir vertreiben uns die Zeit mit einer spontanen​ Gesprächsrunde mit anderen Pilgern aus Trier und dem Siegerland. Außerdem ist auch Nathalia aus Koblenz dabei, die Jürgen und ich  aus unserem Pilgerforum kennen und die den Camino Frances ab Bilbao per Fahrrad bewältigt hat. Gegen 21:00 landen wir endlich auf dem Flughafen Hahn, wo ich von meiner Frau Susanne abgeholt werde.




Samstag, 24. Juni 2017

Geschichten, die nur der Camino schreibt

Herbon - Santiago de Compostela  (29,9 km) 

Ich bereue es in keinerlei Weise, am gestrigen Tage nur so wenig gemacht zu haben, nur um in den Genuss zu kommen, im Kloster Herborn zu übernachten. Einen Tag vor Santiago ist diese Pilgerherberge noch einmal eine Ruheoase, in der man von Pedro liebevoll umsorgt wird und man sich noch einmal vor der Ankunft in Santiago fallen lassen kann. In der Nacht hat sich noch eine schöne Begebenheit ereignet. Der Hospitalero Fernando aus der Herberge in Betanzos vom Camino Ingles verfolgt aufmerksam mein Block und kommentiert hin und wieder auch einmal. Sein letzter Eintrag wies drauf hin, dass in Herborn auch Linny sei. Mit dem Namen konnte ich zunächst nichts anfangen, schaute mir seine Freundesliste an, dann entdeckte ich unsere Mitpilgerin aus Frankfurt. Als ich ihr die Geschichte am Morgen erzählte, war auch sie sehr überrascht, und wir schickten spontan ein Foto vom Frühstückstisch an Fernando. Zufall, nein: nur eine weitere Geschichte vom Camino. Nachdem guten Frühstück mache ich mich fertig, verabschiede mich von Hospitalero Pedro und den anderen noch verbliebenen Pilgern. Um 7:00 Uhr gehe ich los.
Zunächst laufe ich alleine nach Padron und kehre dort in der Cafeteria Don Pepe 2 ein, um einen Kaffee und ein Boccadillo  mit Käse und Schinken zu mir zu nehmen. Hier war ch bereits vor zwei Jahren und mir ist die herzliche Verabschiedung von Pepe beim Verlassen des Cafes in Erinnerung geblieben. Auch heute werde ich mit einem Drücker und einem "Buen Camino" auf den Weg geschickt. Nur wenige Schritte weiter macht sich gerade in einer anderen Bar eine vierköpfige Pilgergruppe auf den Weg, unter denen ich Oliver entdecke. Die nächsten fünf Kilometer laufen wir nebeneinander mit einer angeregten Unterhaltung. Er wird auf meinen Tipp hin heute Abend auch im Seminario Menor übernachten. Schließlich laufen wir auf Peter auf, der gestern ebenfalls in Herborn unter den Gästen weilte. Ich wechsel ab diesem Zeitpunkt meinen Gesprächspartner und Begleiter. Peter möchte eigentlich nur noch den ein oder anderen Kilometer weiterlaufen und dann mit Bus oder Bahn nach Santiago zu fahren. Es gelingt es uns aber nicht, einen passenden Zug an einem Bahnhof oder eine Bushaltestelle zu finden. Nach zwei kürzeren Pausen im Restaurante Gallego und der Bar Descanso do Peregrinos kurz hinter dem Sägewerk fühlt sich Peter noch  stark genug, auch die letzten Kilometer zu bewältigen. Schließlich erreichen wir kurz vor 15:00 Uhr nach fast dreißig Kilometern die Kathedrale von Santiago.
Für mich ist es heute ein völlig neuer Einzug in die Jakobusstadt, und nicht nur, weil sich die Streckenführung gegenüber dem letzten Mal ein wenig verändert  hatte. Peter hatte noch keine Unterkunft, und das Seminario Menor schien ausgebucht zu sein. Ich versuche zwar noch telefonisch Kontakt herzustellen was mir aber nicht gelingt. Erst als wir kurz vor der Altstadt von Santiago sind,  wird mir so richtig bewusst, dass der Pilgerweg für dieses Jahr gleich zu Ende sein wird. Und schon werden die Augen feucht und Tränen kullern die Wangen herunter.
Als wir dann tatsächlich vor der Kathedrale stehen, ziehe ich meinen Rucksack von der Schulter und setze mich stumm auf den Boden. Peter hat mich in dem Moment in Ruhe gelassen und nimmt dann aus der Entfernung wieder Blickkontakt mit mir auf. Ich brauche einige Minuten, um wieder zur Fassung zu kommen. Dann nehme ich ihn in den Arm und beglückwünsche ihn zu seiner ersten Ankunft in Santiago. Er hat mit fast dreißig Kilometern am heutigen Tage für seine fast siebzig Lebensjahren eine tolle Leistung vollbracht. Dann laufen mir Jessy und Arndt fast in die Arme, und auch wir beglückwünschen uns gegenseitig zum erfolgreichen Abschluss der Pilgerfahrt.
Ich unterstütze Peter dann noch bei der Buchung einer Unterkunft in der Hospederia San Martin und gehe anschließend ins Pilgerzentrum, umeine Compostela in Empfang zu nehmen. Das dauert heute fast neunzig Minuten  in denen ich mich mit zwei Damen aus Münster nett unterhalte. Danach mache ich mich auf ins Seminario Menor, um meine Unterkunft zu beziehen.
Dann passiert etwas Unvorhergesehenes.  Ich bin gerade auf dem Weg ins Kellergeschoss meiner Herberge, da begegnet mir ein Pilger. Ich höre nur noch: "Heißt du Wolfgang?" Ich drehe mich zu ihm um, und wen sehe ich vor mir? Jürgen, aus unserem Koblenzer Pilgerforum. Er ist im Mai auf den Camino Frances aufgebrochen, und heute, so wie ich, in Santiago angekommen. Er wohnt nicht nur wie ich im Seminario Menor, sondern nur eine Zimmernummer weiter. Und morgen fliegen wir mit dem gleichen Flug zurück zum Flughafen Hahn. Zufall? Nein, Camino! Wir falken uns gegenseitig in die Arme und drücken uns ganz fest.  Mit dieser Begegnung in einem Treppenhaus hätte wohl keiner von uns beiden gerechnet. Es dauert eine Weile,  bis wir diese Begegnung realisieren können, und beginnen dann laut zu lachen.
Für den Abend treffe ich mich mit Peter vor seinem Hotel. Wir haben geplant, gemeinsam den abendlichen Pilgergottesdienst zu besuchen. Auf dem Weg zur Kathedrale treffe ich zunächst Vanessa und Hanna, danach auch noch Linny und Tina und in der Nähe des Eingangs auch noch Ruth und Christian.
Zu zu meiner Freude spielt gerade noch mein Lieblingsgitarrist, Javier Pavo, dem ich noch eine CD abkaufe.
Nach dem Gottesdienst wird natürlich der Botafumero geschwenkt - wie eigentlich jedes Mal, wenn ich anwesend bin. Und nach der Messe treffe ich vor der Kathedrale auch noch Shelley und Daniel, mit denen ich mich noch ein klein wenig unterhalte, während Peter mit zu Hause telefoniert.
Wir gehen noch eine Kleinigkeit essen und danach begleite ich Peter noch zu seinem Hotel. Ich drehe noch eine kleine Runde durch das inzwischen dunkle Santiago
und finde überfüllte Gassen vor, denn heute wird das Johannisfest 2017 gefeiert. An den verschiedensten Ecken spielen Musiker auf und es riecht nach gebratener Chorizo und gegrillten Sardinen. Da meine Herberge heute um 0:30 Uhr ihre Pforte schließt, muss ich jetzt zusehen, dass ich in mein Zimmer gelange. Morgen früh möchten Peter und ich in den deutschsprachigen Gottesdienst gehen und anschließend im San Martin gemeinsam frühstücken. Ben ist übrigens in der Herberge in Teo geblieben und wird morgen in Santiago eintreffen. Darauf freue ich mich jetzt schon.







Donnerstag, 22. Juni 2017

Wasserstraße und dann rote Pfeile

Vilanova de Arousa - Herbon (32 km)

Heute wird es ein richtig fauler Tag werden. Ich habe bis um 7:30 Uhr geschlafen, dann begannen auch erst die anderen Übernachtungsgäste allmählich mit ihren Vorbereitungen für den heutigen Tag. Da unser Boot heute erst gegen 11:00 Uhr ablegen wird, verbleibt noch unheimlich viel Zeit, die zu vertreiben ist.  Eigentlich habe ich nichts konkretes vor und gammele vor mich hin. Ich kann mich lediglich zu einen kleinen Einkauf im Supermarkt hinreißen, wo ich mir noch ein Baguette oder etwas Obst besorge.
Als ich gegen 10:00 Uhr die Herberge verlasse, herrscht gerade Ebbe.  Treffpunkt ist der Anleger am Hafen, kurz vor der vereinbarten Zeit biegt auch schon das Boot um die Ecke. Insgesamt steigen 22 Pilger samt Gepäck ein und es geht pünktlich los. Der Bootsführer hält manchmal und gibt erklärende Kommentare, jedoch leider nur auf Spanisch. Das was ich verstehen konnte, waren Hinweise auf die Muschel- und Austernbänke, auf am Rande des Flusses stehende Cruzeiros sowie eine Ruine, die wohl in früheren Zeiten als Wachtturm diente. Nach ziemlich genau einer Stunde Fahrt waren die 28 Kilometer absolviert und wir gehen in Pontecesures wieder an Land.
Während die anderen Passagiere sich noch nicht schlüssig sind, was sie nun machen sollen, begebe ich mich​ auf die für mich heute sehr anspruchsvolle  Wanderstrecke von 3,5 Kilometern. Gegen 13:00 Uhr treffe ich am Kloster Herborn ein. Die Herberge öffnet aber erst um 16:00 Uhr. Die Wartezeit wird nee doch durch das ständige Eintreffen von weiteren pilgern verkürzt. Zunächst ist Oliver aus Pforzheim vor Ort, ein Portugiese, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Er holt sich zunächst seinen Pilgerstempel an der Klosterpforte und anschließend noch ein paar Santiago-Tipps bei mir ab. Als nächstes trudeln Yoshika, Tina und Linny aus Frankfurt (die wir zuletzt in Viano do Castelo gesehen hatten), Hanna aus Leipzig und Vanessa aus Mainz ein. Dazu gesellen sich zwei Österreicher aus Wien,  Peter aus der Eifel und die laute Horde Spanier aus Cesantes.
Um 15:30 Uhr öffnet Hospitalero Pedro die Herberge und teilt uns gleich das  Abendprogramm mit: 18:00 Uhr Rundgang durch das Kloster, 20:00 Uhr Gottesdienst, 20:30 Uhr gemeinsames Abendessen.
Ganz besonders freue ich mich, als um 17:00 Uhr Ben auf einmal vor mir steht.
Nach dem Abendessen ist der Abwasch durch viele helfende Hände innerhalb von einer Viertelstunde erledigt, und das bei Geschirr, Besteck und Gläsern für rund 20 Personen. Morgen ist es dann endlich soweit, die letzten 26 Kilometer des Camino Portugues da Costa stehen an und damit verbunden auch zum dritten Mal mein Einzug in Santiago. Ich freue mich. 







Mittwoch, 21. Juni 2017

Pläne muss man auch einmal ändern können

A Armenteira - Vilanova de Arousa (24,5 km) 

5:00 Uhr aufstehen, 6:00 Uhr Abmarsch. Draußen ist es noch kühl und es herrscht eine gespenstige Stille. Zudem kann man kaum die Hand vor dem eigenen Augen sehen. Ich biege auf die Ruta de la Piedra y del Agua (Weg der Steine und des Wassers) ein und stelle fest, dass ich meine kleine LED-Lampe anknipsen muss, um überhaupt etwas zu sehen. Der Camino führt entlang des Rio Armenteira, und ist im ersten Teil mit vielen Felsen und Wurzelwerk auf dem Boden versehen. Ich komme hier nur sehr langsam vorwärts, damit ich nicht stürze. Entlang des Rio befinden sich unzählige kleine Mühlen, in denen meistens noch die Mahlsteine vorhanden sind. Nach circa zwanzig  Minuten beginnt dann endlich die Dämmerung und ich kann meine Leuchte wieder ausschalten. Schade, dass ich von diesem romantischen Teil nicht alles mitbekommen habe. Die Rita endet nach knapp fünf Kilometern, für die ich gut neunzig Minuten unterwegs war.
Es lässt sich immer noch recht angenehmen gehen, die Temperaturen sind im Vergleich zu gestern mit gerade einmal 18 Grad deutlich geringer. Um mich herum ist zum Teil dichter Nebel und von einem blauen Himmel sind wir aktuell meilenweit entfernt. Zudem ist es etwas schwül verbunden mit einer hohen Luftfeuchtigkeit. Ich werde weiterhin vom Rio Armenteira begleitet, und verlasse diesen erst, als er in den Rio Umia mündet. Hier ist es wieder etwas ruhiger,  denn ich konnte ebenfalls die parallel verlaufende Straße mit der dazu gehörigen  Geräuschkulisse verlassen. Doch jetzt bin ich wieder mitten in der Natur,  es sind lediglich Vögel zu hören, und hin und wieder hüpft ein Frosch über den Weg. Erstmals laufe ich an großflächigen  Weinanbauflächen vorbei. Bisher habe ich nur vereinzelte Reihen gesehen.
Der Rio Umia ist im weiteren Verlauf ein Gewässer, dass sich selbst überlassen worden ist. So ist es auch zu verstehen, dass hier eine entsprechende Artenvielfalt vorherrscht. An einer Stelle steht voller Stolz eine Gans am Ufer und lauscht dem Konzert von unsichtbaren Tieren. Auch auf meinem Weg entlang des Flusses ist ordentlich Bewegung und ich muss ständig aufpassen, dass ich nicht über Schnecken jeglicher Größe stolpere.
Nach der Naturidylle am Fluss habe ch wieder das Vergnügen, in urbanem Gelände an einer Straße  entlang zu laufen. Ich kann es allerdings nicht verstehen, warum man nach Verlassen des Flusses durch Pontearnelas geschickt wird, dort eine Schleife dreht, und 300 m von der Flussüberquerung wieder vorbei läuft.
Während ich auf Dorfstraßen und durch kleinere Ansiedlungen laufe, verdichtet sich der Nebel immer mehr. Ich halte jetzt mal Ausschau nach einer Einkehrmöglichkeit, um zwischendurch  etwas Warmes zu mir nehmen. Nach einem kurzen Anstieg laufe ich an einem Weingut vorbei in einen Wald hinein. Eigentlich kann man im Umkreis von 100 Metern überhaupt nichts mehr erkennen,  weil der Nebel die Landschaft einhüllt.
In einem Vorort von Vilanova de Arousa kann ich mir ein leckeres Boccadillo mit Schinken und Käse und einen Café con leche bestellen. Eine Viertelstunde später mache ich mich auf das letzte Stück Weg und ich finde, dass es ein klein wenig wärmer geworden ist. Und der Nebel verzieht sich auch allmählich nach oben. 
Ich nähere mich wieder dem Meer mit seinem typischen Geruch. Die letzten Kilometer laufe ich am Strand entlang,  teilweise auch auf sandigen Passagen und erreiche die Fußgängerbrücke nach Vilanova de Arousa. Um 11:30 Uhr bin ich in der Herberge und überrasche den Hospitalero bei seinem Mittagessen. Er wies mich zwar darauf hin, dass noch nichts sauber gemacht wäre und die Herberge ja auch erst um 13:00 Uhr öffne, doch er nimmt mich dann doch schon auf.  Das wollte ich ja eigentlich​ gar nicht. Ich wollte doch nur Infos zum Boot nach Pontesecures. Da dass nächste Boot erst morgen um 11:00 Uhr fahren wird bleibe ich heut Nacht hier. Morgen gehe ich nach Herbón und am Freitag von da nach Santiago. Damit hat sich auch der Abstecher nach Fisterra erledigt, da mein Rückflug am Samstag ist. Inzwischen ist der Nebel fast verschwunden und die Sonne kommt raus bzw. kämpft sich durch die Wolkendecke hindurch. Ich bin natürlich der erste in der Herberge, obwohl dort noch einige Betten mit Schlafsäcken und Rucksäcken belegt und zehn Betten für eine italienische Gruppe reserviert sind (die dann sehr rücksichtsvoll am Spätnachmittag eintrifft)​. Ich werde jetzt erst ein klein wenig einkaufen gehen und dann einfach mal schauen was der Tag so mit sich bringt. Vor 13:00 Uhr werde ich in der Herberge jedenfalls nicht erscheinen, damit der Hospitalero in Ruhe seine Arbeit machen kann.
Nach und nach trudeln weitere Pilger von gestern ein: Daniel aus Rumänien, Gerda und Josephina aus den Niederlanden, Cheryl aus den USA, Philino aus Italien, Alain aus Frankreich, John und Henry aus Kanada, Yoshika aus Japan, die beiden Portugiesinnen, Andreas aus Hamburg (zuletzt in A Ramallosa gesehen), Ruth und Christian aus Bremen und zu meiner Freude David aus Barbados. 





Dienstag, 20. Juni 2017

Wieso eigentlich Espiritual?

Cesantes - Armenteira (36,8 km)

Für 5:30 Uhr habe ich meinen Wecker gestellt, aber meine innere Uhr hat mich bereits eine gute Viertelstunde vorher wach werden lassen. Ich schaffe möglichst geräuschlos meine Ausrüstung in einen der beiden Speisesäle, schließe die Türe und beginne mich für den Abmarsch fertig zu machen. Kurz darauf ertönt ein anderer, unangenehmer Wecker, der gefühlt unendlich lang seiner Tätigkeit nachgeht, bis er endlich gestoppt wird. Danach beginnt ein Schauspiel, das seinesgleichen sucht. Nacheinander erscheinen sechs schlaftrunkene spanische Pilger, die ebenfalls ihre sieben Sachen zusammenpacken, das aber mit einer Lautstärke, die unter aller Kanone ist. Zudem halten sie es nicht für nötig, ihre Gespräche so zu dämpfen, dass die noch schlafenden Pilger nicht gestört werden. Während ich mich in dem anderen Speisezimmer zum Frühstück setze und einen Eintrag ins Gästebuch schreibe, wird die Tür aufgerissen und die Spanier stürzen herein. Sie sind immer noch nicht in der Lage, Rücksicht auf die anderen zu nehmen und lassen zudem noch die Türe zum Schlafsaal weit offen. Ich kann nur den Kopf schütteln und schäme mich fast für sie. Ich habe genug davon, und schließe einfach die Tür. Als dann ein weiterer Spanier den Raum betritt und wieder die Türe offen lässt, schließe ich sie zum zweiten Mal und werfe den Herrschaften einen bösen Blick zu. Ich glaube, jetzt haben sie endlich verstanden, dass sie nicht alleine hier sind.
In der Zwischenzeit ist auch Ben aufgestanden und hat sich fertig gemacht. Wir starten gemeinsam gegen 6:15 Uhr in die Dunkelheit. Es dauert aber auch nur einige wenige hundert Meter, bis die Dämmerung beginnt, so dass wir keine zusätzliche Beleuchtung benötigen. Auf der Strecke sind schon einige Pilger unterwegs, die wir überholen. Mitten im Wald treffen wir auf eine Verpflegungsstelle, von der sich gerade circa 20 Uhr Engländerinnen mit Tagesrucksäcken aufmachen. Auf diesem ersten Streckenabschnitt haben wir schon den ein oder anderen Höhenmeter zu absolvieren. Durch unser intensives Gespräch vergeht die Zeit aber wie im Fluge.
Der von Ben anvisierte Kiosk für seine erste Pause scheint aber nicht zu existieren oder die Strecke wurde inzwischen verlegt. So dauert es zu dem kleinen Örtchen O Pombal, wo wir einen Hinweis auf eine Bar finden. Wir folgen dem Tipp und sind erfreut, dass tatsächlich geöffnet ist. Davor hat sich bereits Gruppe von Pilgerinnen breitgemacht. Nach einem großen Café  con leche verabschiede ich mich dann endgültig von Ben. Es war gut, dass ich die ersten 12,5 km in seinem Tempo mitgelaufen bin, denn ich habe ja jetzt noch 21 km mit einigen Höhenmetern vor mir. Wir werden die Tage in Verbindung bleiben und, wer weiß, vielleicht sehen wir uns ja in Santiago noch einmal.
Ich marschiere zunächst wieder zurück auf den Camino und hole mir in der Capilla Santa Marta noch einen Stempel ab. Dann laufe ich entlang der Straße bis zu einer Abzweigung, an der man nicht so genau weiß wo man her laufen soll. Die Markierungen führen sowohl geradeaus als auch nach links zu dem kleinen Rio Tomesa. Ein Blick auf meine Karte zeigt mir, dass die Route am Rio sicherlich interessanter ist, als die von Jörg und mir  vor zwei Jahren genutzte Straße. Nach nur wenigen Schritten stelle ich zudem fest, dass die gelben Pfeil auch hier weitergehen. Allerdings sind die die meisten in Richtung Rio teilweise schwarz übermalt. Man will also nicht, dass hier entlang gelaufen wird. Ich verstehe das nicht, denn dieser Abschnitt ist sehr schattig, attraktiv und vor allem naturbelassenen.
Um 10:35 Uhr laufe ich in Pontevedra unmittelbar an der Pilgerherberge ein und begeb mich direkt zur Capela da Virxe Peregrina de Pontevedra. Auf meinem Weg aus der Stadt heraus besuche ich noch die Igrexa de San Francisco sowie die Real Basilica de Santa Maria a Major.
In einem Supermarkt kaufe ich mir noch etwas zu Essen und vor allem Getränke. Zwischendurch erreicht mich eine Nachricht von Ben: er wartet zusammen mit Lija und Monika auf die Öffnung der Herberge in Pontevedra.
Dann begebe mich endlich auf die Variante Espiritual. Um dorthin zu gelangen, habe ich eine Abkürzung gewählt, um nicht noch aus Pontevedra herauslaufen zu müssen, um dort den Startpunkt zu finden. Bis ich wieder Markierungen entdecke, dauert es rund fünf Kilometer,  und das überwiegen in der prallen Sonne. Ich versuche jedes kleine bisschen Schatten auszunutzen, das mir geboten wird. Am Monasterio de Poio will ich eigentlich meine nächste Pause einlegen, schaue mir aber lieber noch die lohnenswerte Kirche und die beiden Kreuzgänge an.
Erst danach setzte ich mich unter einen schattigen Baum und verzehre meine Vesper. Dann geht es weiter über Combarro und anschließend in die Höhe. Ich befinde mich fast auf der Höhe des  Meeresspiegels und auf dem kommenden Abschnitt überwinde ich auf kürzester Distanz einen Unterschied von rund zweihundert Metern. Ich bin natürlich so schlau und nutze die ein oder andere Abkürzung, um Wegstrecke einzusparen. Zumeist sind jedoch diese Abkürzungen in der Regel deutlich steiler wie der eigentliche Weg.
Meine nächste Pause lege ich gegen 15:00 Uhr auf einer Höhe von 220 Metern ein. Es fehlen mir bis zum höchsten Punkt aber noch immer zweihundert weitere. Die Bezeichnung Variante Espiritual erscheint mir momentan sehr fragwürdig, die derzeitige Streckenführung gleicht eher einem Büßerweg, und mir fällt gerade nichts ein, wofür ich Buße tun soll. Die nächste Kurve bietet daraufhin wie bestellt eine Aussichtsplattform mit einem traumhaften Blick hinunter in die Bucht von Poio. Eine Hinweistafel bestätigt meine Vermutung, dass es bis zur Herberge noch rund fünf Kilometer sind. Trotzdem laufe ich immer noch mitten in der Sonne, habe heute bereits fünf Liter Flüssigkeit zu mir genommen und nehme mir jetzt noch meine Zuckerreserve, eine Flasche Cola, vor.
Endlich geht es wieder abwärts und bin gegen 16:30 am Monasterio de Armenteira und ein paar Minuten später in der Herberge. Ich bin nur noch müde und bereite mir ein Fertiggericht aus dem Kühlautomaten zu und mache mich bettfein. Es war der bisher anstrengendste Tag auf den Camino.
In der Herberge gibt es heute eine internationale Mischung: Pilger aus Rumänien, Italien, Portugal, Niederlande, USA, Frankreich, Canada, Großbritannien.






Montag, 19. Juni 2017

Wohlfühltag bei Marie in Cesantes

Vigo - Cesantes (20,1 km)
Wir haben uns gestern Abend noch mit Lija und Monika in einer Tapas-Bar getroffen. Sie sind in einem anderen Hostel untergekommen, aber auch nur zehn Minuten Fussweg entfernt. Gestern Abend haben Ben und ich bereits unsere Betten im Refuxio de la Jerezana in Cesantes per Internet gebucht, da wir nicht wussten, ob wir noch freie Betten bekommen hätten, wenn wir "einfach nur vorbeigekommen wären". Ben fährt allerdings mit der Bahn nach Redondela und wird nur die letzten drei Kilometer zu Fuß bis zum Refugio zurücklegen.
In unserem Hostel gibt es keine Fenster, aber eine gut funktionierende Klimaanlage. Diese wird allerdings nur für eine kurze Zeit in den Abendstunden angemacht, damit es in den Zimmern wenigstens zur Schlafenszeit angenehm temperiert ist. Nach einer trotz der Temperaturunterschiede guten Nacht schleichee ich mich um kurz vor 7:00 Uhr  aus dem Vierbettzimmer und mache mich in der Küche für den Tag fertig. Gegen 7:30 Uhr bin ich wieder auf Schusters Rappen unterwegs.
Draußen ist es angenehm kühl, trotzdem bin ich froh, die Straßenschluchten von Vigo bald verlassen zu können. In Sachen Camino hat Vigo meiner Ansicht nach noch einigen Nachholbedarf. Bis auf die gelben Pfeile gibt es hier kaum oder gar keine Angebote für Pilger. Ich glaube, ohne Privatinitiative wird sich da auch in naher Zukunft nichts großartig verändern. Bestes Beispiel dafür sind die "Pilgerstempel", die eigentlich ohne Bezug zum Camino "gestaltet" sind. Ich lasse mich von einem vielversprechenden Hinweis einer Bar verleiten, bekomme dann aber "nur" einen Firmenstempel, zwar mit Logo, aber keine Spur von einer Jakobsmuschel.
Schon seit einiger Zeit wandele ich auf einer höheren Ebene und habe einen wunderschönen Blick auf die Ria de Vigo, die momentan noch von einer dicken Nebelschicht bedeckt ist. Interessantes Naturschauspiel, denn bei zunehmender Sonneneinwirkung verschwindet allmählich der Nebel und der Blick auf die Wasseroberfläche wird  freigegeben. Zur Zeit laufe ich auf kleinen Straßen, die mit einer gelben Schlangenlinie und einem grünen Untergrund versehen ist, der sogenannten Senda do Auga. Es handelt sich dabei anscheinend um einen Wanderweg mit dem Thema Wasser. Zwischendurch sind immer wieder Hinweistafeln zu bestimmten Wissensgebieten aufgestellt. Es ist hier außerdem nicht ganz ungefährlich, den auf beiden Straßenseiten gibt es eigentlich keine Ausweichmöglichkeiten,  wenn einem hier einmal zwei Autos begegnen sollten.
Die heutige Etappe lässt sich relativ bequem laufen, da sie hinter Vigo keine nennenswerten Höhenunterschiede mehr aufweist. Ich umlaufe im Prinzip die Ria de Vigo und befinde mich überwiegend auf asphaltierten oder geschotterten Waldwegen. Somit bin ich auch meistens nicht der direkten Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Auf der Ria de Vigo sieht man unzählige plattformartige Gebilde. Ich vermute mal, dass es sich hierbei um Zuchtanlagen für Austern handelt. Dann passiere ich die Ponte de Vigo, auf der momentan in schwindelnder Bauarbeiten durchgeführt werde. Mir geht gerade das  Instrumental von Mark Knopfler, "Wild Theme", nicht mehr aus dem Kopf heraus. Zunächst pfeife ich es fröhlich vor mir her, doch dann passiert etwas Unglaubliches mit mir. Ich erreiche ein lichtes Waldstück mit Blick auf die Ria, stehe dort auf einem Felsen kann und auf der gegenüberliegenden Seite schon mein Tagesziel Cesantes erkennen. Ich habe das Bedürfnis, mein Handy herauszuholen und das Stück anzuhören. Warum, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ist jetzt der Moment gekommen, wo dem Pilger zum zweiten Mal die Tränen kommen. Ich genieße diesen stillen Moment und schaue einfach nur in die Ferne, in die ich mich in den nächsten Tagen noch begeben werde. Vielleicht passt "Wild Themen" auch ganz gut zu der Umgebung hier. Ich bin hier mitten in einer schönen Landschaft, wo Wasser plätschert, Blätter rauschen, Vögel zwitschern und Hunde bellen. Ich bin in diesem Moment sehr dankbar, dass ich das erleben darf. Vor allem bin ich meiner Familie dankbar, dass sie mich wieder hat ziehen lassen. Hier ist für mich nun der Punkt, wo ich einen meiner beiden mitgebrachten Steine weit wegwerfen. Er fliegt steil nach oben und folgt dann unumgänglich den Kräften der Erde abwärts. Dann ist er im Abhang vor mir meinem Blick entschwunden.
Meine schwermütigen Schritte werden nach diesem emotionalen Feuerwerk nun wieder etwas beschwingter, denn ich freue mich jetzt auf meine Ankunft in Maries Herberge in Cesantes Ich bin gespannt, was sich gegenüber meinem letzten Besuch vor ziemlich genau zwei Jahren alles verändert hat.
Um 11:30 Uhr treffe ich ihn Redondela, wo sich der Camino da Costa mit dem Camino Central vereineinigt. Ich mache hier noch eine letzte Pause in einen Restaurant in der unmittelbaren Nähe der öffentlichen Herberge, und versuche mir noch eine Kleinigkeit zu essen zu besorgen. Leider ist das erst in einer Stunde möglich, als bleibt es bei einem Bier. Gegen 12:00 Uhr breche ich wieder auf und zähle rund zwanzig Pilger, die auf Einlass in die Herberge warten.
Auf meinem Weg aus Redondela heraus blinzelt mir aus einer Seitengasse ein  Kirchturm zu. Neugierig gehe ich zur Kirche und sie steht glücklicherweise offen, es ist zudem zufälligerweise die Igrexa de Santiago de Redondela. Drinnen ertönt meditative Musik, du mich berührt. Ich setze mich eine Weile hin und genieße sanfte Atmosphäre. Ich lass mich ein klein wenig fallen und spreche ein kleines Dankgebet. Als ich die Kirche verlassen möchte, spricht mich eine Nonne, an ob ich einen Pilgerstempel haben wolle. Ich folge ihr in die Sakristei und erhalte endlich wieder einmal einen schönen Stempel. Wir kommen ein klein wenig ins Gespräch, sie auf Spanisch, ich mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Spanisch. Und wir verstehen uns, es ist unglaublich. Ich bedanke mich ganz herzlich für diese Begegnung und verlasse mit einem Lächeln die Kirche.
Die letzten drei Kilometer des Tages bis zur Herberge lege ich gemütlich zurück. Über mir zieht sich allmählich der Himmel ein klein wenig zusammen, es ist kaum noch Blaues zu sehen. Um 13:00 bin ich schließlich da und belege schon einmal ein Bett. Ich lerne Jessy und ihren Vater Arndt aus Köln kennen und wir tauschen uns etwas aus. Dann trifft auch Ben ein, der in Redondela doch tatsächlich noch einmal Lija und Monika getroffen hat. Schließlich erscheint auch Marie und ist der festen Überzeugung, mich zu kennen. Ich erzähle ihr,  dass ich so ziemlich genau vor zwei Jahren, am 23. Juni 2015,  schon einmal hier gewesen bin, damals mit Jörg. Inzwischen hat sich hier einiges geändert, die Grünanlagen sind deutlich mehr geworden, Hinweisschilder prangen an der Hauswand und die Bibliothek wurde zum zweiten Speisesaal umfunktioniert. Darüber hinaus gibt es jetzt auch noch ein paar Zusatzbetten und ein paar Matratzen für Notfälle. Das allerschönste verrät uns Marie zum Schluss: sie ist inzwischen stolze Mama eines elf Monate alten Sohnes, den wir beim Abendessen auf der Terrassen noch bewundern dürfen. Danach spreche ich mit Erich aus der Pfalz über Wunder auf dem Camino. Bevor die Augen zu gemacht werden, heißt es Abschied nehmen von Ben. Wir beide haben uns im Prinzip eine ganze Woche täglich gesehen und auch gut verstanden. Es war mir eine Freude, ihn kennengelernt zu haben. Vielleicht sehen wir uns ja noch einmal in dieser Woche.
Für mich ist das Refuxio de la Jerezana eine Oase der Herzlichkeit, wo du dich in liebevoller Umgebung von den Strapazen der vergangenen Tage erholen kannst. Wer sich auf den Camino Portugues begibt, sollte unbedingt die drei Kilometer von Redondela zusätzlich auf sich nehmen und hier nächtigen. 







Sonntag, 18. Juni 2017

Aufgepasst - wo sind die gelben Pfeile

A Ramallosa - Vigo (22,8 km)

Nach dem sehr anstrengenden gestrigen Tag soll es heute etwas gemütlicher angegangen werden. Zudem wollen wir der zu erwartenden Hitze entgegenkommen und bereits sehr früh losmarschieren. Dafür haben wir den Wecker auf 5:00 Uhr gestellt. Nach einer sehr gemütlichen Vorbereitungszeit ist es dann doch erst 6:15 Uhr, bis die Lichtverhältnisse es zulassen, mit der Pilgerwanderung zu beginnen. Zudem ist heute morgen auch der Zeitpunkt gekommen, dass wir uns von Lija und Monika verabschieden müssen. Die beiden haben heute zum dritten Mal hintereinander eine Strecke von deutlich über 30 km vor sich. Da ihr Flug nach Hause für Freitag geplant ist, müssen Sie spätestens am Donnerstag in Santiago ankommen.
Die Schwellung an meinem Fuß ist überwiegend zurückgegangen und ich entscheide mich, zunächst etwas langsamer zu gehen und Ben zu begleiten. Zu Beginn habe ich am linken Sprunggelenk noch einen leichten Druckschmerz, der sich aber im Laufe der ersten vier Kilometer zusehends vermindert. Die dort vorhandene Sitzbank nutzt Ben aus, um eine erste Pause einzulegen. Ich mache in dem bisher eingeschlagenen Tempo alleine weiter auf den Weg, spätestens in Vigo im Hostel werden wir uns dann wiedersehen. Die Temperatur ist derzeit sehr angenehm und die Sonne hält sich momentan noch bedeckt. Zum ersten Mal sind heute sogar ein paar Wölkchen am Himmel zu sehen. Bis jetzt war die Streckenführung recht gut zu bewältigen, obwohl sich leichte Bergauf- und Bergab-Passagen abgewechselt haben. Insgesamt bewege ich mich allerdings schon auf einem deutlich höheren Niveau als noch in unserer letzten Unterkunft in A Ramallosa. Es liegen aber noch ein paar weitere Höhenmeter vor mir.
Bisher bin ich auf Dorfstraßen und durch kleine Ansiedlungen gelaufen, jetzt  schließt sich ein was längeres Waldstück an. Danach erreiche ich wieder ein kleines Dorf, wo sich die Hähne aus allen Richtungen das Morgenlob zurufen. In einem Ortsreil von Nigran passiere ich die  101 Kilometer-Marke nach Santiago, jedoch kommen für mich aufgrund der Variante Espiritual noch ein paar Kilometer dazu.  Hinter dem Örtchen muss ich ein richtig steiles Stück erklimmen, wo sich temporär auch noch einmal mein Fuß meldet. Glücklicherweise hört der Schmerz unmittelbar nach der Steigung schon  wieder auf. Nur wenige Schritte weiter, mitten im Wald, befindet sich eine Hinweistafel der Gemeinde Vigo auf die letzten 100 Kilometer bis Santiago. Circa einen Kilometer hinter dem Abzweig nach O Freixo verlasse ich den kühlen Wald. Gegen 9:00 Uhr komme ich zum ersten Mal für heute in die pralle Sonne und werde diese auch bis zu meinem Ziel in Vigo fast immer als Begleiterin haben. Eine Viertelstunde später mache ich in Freixeiro in einer Kaffeebar meine erste Pause für heute. Bis jetzt habe ich rund 12,5 Kilometer hinter mich gebracht. Ben versorgen ich inzwischen per Handy mit Inforamtionen zur Infrastruktur.
Die halbe Stunde Pause hat gut getan, und ich mache mich gut gelaunt auf die verbleibenden rund zwei Stunden. Irgendwie riecht es hier in der Luft nach Chlor. Ich vermute, dass das schon die Ausläufer der Industrieanlagen von Vigo sind. Zum Glück zweigt der Weg schon nach wenigen hundert Metern von der Hauptstraße ab und führt mich wieder in eher ländliches Gebiet. Gerade hat mich ein gelbes "X" vor größerem Schaden bewahrt, denn ich habe 50 Meter vorher einen Abzweig verpasst. Ich muss auf dem aktuellen Abschnitt sehr aufmerksam sein, da ich mich vollumfänglich an den gelben Pfeilen orientieren, da ich hierfür keine GPS-Daten habe. In unmittelbarer Nähe des Stadions komme ich nach Vigo rein. Jetzt muss ich noch einmal fast quer durch die Stadt um zu meiner Unterkunft zu gelangen. Obwohl es in der Stadt grüne Lungen gibt, ist Vigo nicht unbedingt die Stadt, in der ich mich lange aufhalten möchte. Das, was ich gesehen habe, ist für mich nicht sonderlich attraktiv. Um kurz vor zwölf Uhr erreiche ich das Hostel, eine gute Viertelstunde trifft auch Ben ein, der erneut ein Stück mit dem Bus gefahren ist.  Wahrscheinlich verkürzen Lija und  Monika ihre Etappe und übernachten ebenfalls hier. So klang jedenfalls eben zumindest ein Anruf der beiden durch.  Lassen wir uns überraschen. 







Samstag, 17. Juni 2017

Asphalt und Hitze - keine gute Kombination

A Guarda - A Ramasolla (35,8 km)

Jetzt sind wir in Spanien, in Galizien. Nach den schönen Abend verlief die Nacht einigermaßen gut, obwohl es wieder ein kleines Schnarchkonzert gegeben hat. Wenn nicht in unserem Schlafsaal leichte Unruhe auf gekommen wäre, hätte ich wahrscheinlich heute verschlafen. So stehe ich dann doch letztendlich um 6:45 Uhr auf und mache mich abmarschbereit. Eine halbe Stunde später habe ich mein Bündel auf dem Rücken gepackt und ziehe los. Von meiner gestrigen Wäsche sind Socken und Unterhemd immer noch feucht geblieben, sodass ich sie an meinem Rucksack fest mache, dort können Sie dann im Laufe des Tages in der Sonne trocknen. Auch heute wird es eine etwas längere Etappe geben. Ben und die Mädels haben sich bereits vor einer guten Viertelstunde auf den Weg gemacht. Die Route führt mich zunächst hinunter ans Meer und dann über einen schmalen Pfad über felsiges Geläuf. Ich glaube, so nah am Wasser bin ich bisher noch nicht entlang gelaufen. Es ist momentan recht erfrischend kühl, doch die aufgehende Sonne verspricht wieder einiges an Temperatur.
Nach zweieinhalb Kilometern zwingt mich ein erster fieser Anstieg zum Verlassen der unmittelbaren Küste. Nach einem erneuten kurzen Abstecher zurück, werde ich aber schon bald an eine zu dieser Uhrzeit zum Glück noch nicht stark befahrenen Landstraße geführt, an der ich sehr lange auf dem eingezeichneten Fahrradweg bleibe. Hin und wieder verläuft der Radweg unter- oder oberhalb der Straße und bietet dadurch wenigstens etwas Abwechskung. 100 Meter vor mir sehe ich bereits Ben, der in einer Bar in Portecelo seine erste Pause einlegen wird. In dem Örtchen laufe ich auf Ben auf, doch wir finden nicht die in seinem Führer angegebene Bar. Daher bleibt er an einer Sitzbank und macht seine erste Pause, während ich mich auf den weiteren Weg begebe. Ich bin jetzt gut 90 Minuten unterwegs und die Temperatur ist immer noch sehr angenehm. Glücklicherweise befindet sich rechter Hand ein langgezogener Bergrücken, der die Sonne bis jetzt abhalten kann. Nur zwei Minuten später ist die Sonne da, und ich spüre, wie die Natur auf einmal zu leben beginnt. Entlang des Weges wird gerade das Morgenkonzert der Vogelschar aufgeführt, und das Rauschen des Ozeans bildet den passenden Rahmen dazu.
Nach einem kurzen Sonnenintermezzo schützen mich wieder die Höhenzüge vor den wärmenden Strahlen.
Dann hat es die Sonne dann doch fast geschafft. Zugleich verlasse ich mal wieder die Landstraße und laufe etwas nahe dem Wasser entlang. Ein freundlicher Fahrradfahrer gibt mir den Hinweis, dass es nicht mehr weit bis zu einer Bar sei. Dort kehre ich nur zu einer wirklich winzigen Pause ein, da ist nichts anderes wie Getränke gibt und der Wirt nicht den Anschein macht, mir auch etwas zu essen machen zu wollen. Hinter Oia geht es weiter auf dem Fahrradweg,  der sich nun zwischen Weideland, Ackerflächen und vereinzelt stehenden Häusern, die mit allesamt mit Wällen aus großen Steinblöcken eingerahmt sind,  weiter. Seit geraumer Zeit trägt mir die warme Luft Musik an die Ohren, ich kann jedoch die Quelle nicht genau orten. Erst in einer der folgenden Ansiedlungen kann ich konkret sagen: von hier kommt die Musik. Im Ortszentrum fand wohl eine Festivität statt, die anscheinend bereits vorbei ist. In O Porto mache ich in einer Bar nebenan der privaten Herberge fast eine Stunde Mittagspause und bestelle mir dort ein Boccadillo und trinke zwei leckere Estrellas. Um 12:10 Uhr geht es dann weiter.
Kurz vor As Marinas darf ich endlich die Straße wieder verlassen. Dafür geht es jetzt einen Berg hinauf, damit umgehe ich den Monte de Baredo in Richtung Baiona.  Das Thermometer ist inzwischen auf 31 Grad gestiegen. Die nächsten Kilometer variieren ständig die Höhe. Irgendwie​ gefällt das meinem linken Fuß nicht besonders, denn dort entwickelt sich ein leichter Druck. Dann erreicht mich die Nachricht​ von Ben, dass er mit dem Auto unterwegs zur Unterkunft sei und Zimmer, auch für Lija und Monika sowie Maja und Sam, reserviert hätte. Gegen 16:15 Uhr treffe ich in der Herberge ein. Hier treffe ich Leute aus Kanada, Australien, Hamburg und Freyung. Zufällig betrachte ich das linke Sprunggelenk und stelle an der Außenseite eine leichte Schwellung fest. Ergebnis: morgen werde ich nur eine kurze Etappe nach Vigo laufen, und durch häufigere Pausen den Fuss schonen. Jetzt müssen wir nur noch auf die Mädels warten. Um 19:45 Uhr trudeln die beiden erschöpft ein. Unser Abendessen nehmen wir übrigens mit Eingekauftem in der Herberge ein. Der Tag wird wohl bald enden. 






Freitag, 16. Juni 2017

Erst Portugal, dann Spanien und am Abend Reggae aus Babados

Viana do Castelo - A Guarda (37,1 km) 

Wir haben gestern Abend noch ausgemacht, dass wir versuchen, uns heute in A Guarda in der Pilgerherberge zu treffen. Ich bin gespannt, ob wir vier tatsächlich alle dort heil und gesund ankommen, denn die Strecke beträgt heute circa 34 km. Ben ist bereits um 6:30 Uhr losmarschiert, ich verlasse die Herberge eine Viertelstunde später. Lija und Monika lassen sich noch etwas Zeit. Auf Facebook wurde mir gestern ein Abschnitt entlang des Meeres empfohlen. Ich werde diesen Tipp heute zumindest in Teilen befolgen. Ich bin heute richtig gut ausgeschlafen, denn wir hatten keinen lauten Schnarcher in unserem Schlafraum, der immerhin mit vierzehn Schläfern belegt war.
Ich finde schnell einen guten Gehrhythmus. Bereits nach einer halben Stunde erreiche ich das Meer und wende mich nach Norden, wo ich jetzt in unmittelbarer Nähe des Ozeans und des felsigen Ufers entlang laufen werde. Im Gegensatz zu gestern hat sich die Landschaft wieder krass verändert. Ich passiere gerade zwei kleinere Tümpel, aus denen zahlreiche Frösche quaken und zu meiner Linken befindet sich eine riesengroße Baustelle. Dahinter kann ich bereits die Brandung des Meeres erkennen, auch das Rauschen der Wellen habe ich gestern ein klein wenig vermisst. Schließlich zwege ich an einer S-Kurve von der Straße ab und begebe mich auf einen kleinen Feldweg in Richtung Felsenufer.
Die Wellen brechen sich mit lautem Getöse an aus dem Wasser hervorragenden Felsgruppierungen.  Zudem steigt mir der Duft des Meeres wieder in die Nase. Ich bewege mich auf einer schön angelegten Promenade auf eins der hier regelmäßig in der Nähe von Orten erbauten Kastelle zu. Ab der Ruine beginnt nun Weg, der mich über Holzplanken, befestigte Wege, und auch und Kopfsteinpflaster führen wird.
Nach ca 9,5 km verlasse ich die Atlantikküste und wende mich wieder dem Camino Portugues da Costa zu. Dieser Abschnitt war zwar wunderschön, aber ich möchte nicht den ganzen Tag nur am Meer entlang laufen, sondern auch noch ein klein wenig Abwechslung um mich herum genießen. Zudem befürchte ich, dass ich entlang des Ozeans keine Möglichkeit haben werde, in einer Bar einzukehren. Und darauf muss ich gar nicht lange warten, denn in Carreco befindet sich bereits eine geöffnete Bar, wo ich zu meiner Freude auch Ben wieder treffe. Bei ihm läuft es heute ganz gut und er ist frohen Mutes, unser auserkorenes Ziel A Guarda heute Abend zu erreichen. Nach einer halbstündigen Pause setze ich meine Pilgerwanderung um 9:15 Uhr fort.  Nachdem ich das Örtchen durchlaufen habe, gelange ich wieder in ein schattiges Waldstück mit Eukalyptus und Kiefern.
Dieser hügelige und zum Teil mit großem Steinbrocken versehene Weg ist zwar wunderschön, aber wenn ich mir vorstelle, dass hier Anne-Chantal, die Gründerin der Facebook-Seite Camino Portugues, hier mit dem Rollstuhl gepilgert ist, wird mir ganz anders. Ich ziehe meinen Pilgerhut und zolle ihr meinen vollsten Respekt zu. Für eine solche Leistung, gerade mit ihren gesundheitlichen Einschränkungen, muss man schon eine unglaubliche Energie aufbringen und Geduld haben. Und ich glaube auch, das entscheidende, wie sie immer sagt: Sonne im Herzen. Da läuft es mir eiskalt den Rücken herunter.
In einem idyllischen Tälchen liegt ein ehemalige Kloster direkt am Rio Afife.  Dort bietet sich eine traumhafte Kulisse für einen Fotostop. Nur ein paae Augenschlage später treffe ich Ben in einer Bar und wir halten einen netten Pausenplausch. Das nächste Mal werden wir uns dann wohl in Caminha an der Fähre treffen.
Hinter Ancora, nach knapp drei Kilometern, gelange ich wieder an das Meer und gehe auf einer Strandpromenade weiter nach Norden an einem Kastell vorbei. Die Route führt nun aus der Stadt heraus und mündet an einer kleinen Kapelle am felsigen Strand wieder auf einen befestigten Weg, der sich bis Caminha hinzieht. In der Ferne ist die Mündung des Rio Mino sowie das Örtchen O Moino zu erkennen. Darüber erhebt sich der Monte de Santa Teega, der zur Zeit noch in einer  Dunstwolke umgeben scheint.
Am Strand von Moledo verlasse ich diesen durch das Städtchen und gelange über eine nicht stark frequentierte, aber unendlich lange geradeaus führende Landstraße nach Caminha. Schließlich erreiche ich an der Landungsbrücke der Fähre das Ende von Portugal, wo ich eine gute Stunde warte. Dann kommen Lija, Monika und Ben um die Ecke und wir nehmen die Fähre um 15:00 Uhr.
In Spanien gelandet, müssen wir vier noch einen kleinen Berg überwinden, bis wir in der Herberge von Hospitalero Antonio aufgenommen werden. Das Abendessen nehmen wir in einem Restaurant am Hafen ein. Dabei erhalten wir noch Gesellschaft von Marja. Es wird ein wunderschöne Abend, der mit einem Reggae-Ständchen von David aus Barbados, einem Video und einen Foto endet. 








Donnerstag, 15. Juni 2017

It's a beautiful day, don't let it get away (U2)

Marinhas - Viana do Castelo (21,3 km)

Das war eine Horror Nacht. Nach zwei Stunden gutem Schlaf ging gegen Mitternacht die Katastrophe los.  Unmittelbar neben mir befand sich das Epizentrum einer überdimensionalen Schnarchwelt. Es war kaum auszuhalten.  Eine gute Stunde lang versuchte ich wieder einzuschlafen, was mir aber gänzlich misslang. Also entwickelte ich einen Plan. Ich holte mir aus einem Schrank vier Decken und beteitete mir damit im Wohnzimmer ein Nachtlager auf dem Boden. Das war eine sehr gute Entscheidung, denn ich konnte bis 5:30 Uhr noch einigermaßen gut schlafen.
Bereits am gestrigen Nachmittag hatte ich festgestellt, dass ich mir ein klein wenig Haut unter dem rechten großen Zeh abgerissen habe. Um schlimmerem vorzubeugen klebe ich ein Blasenpflaster darüber. Die Uhr zeigt 7:30 Uhr, als ich die Herberge verlasse. Ich habe mich kurzerhand dazu entschieden, die geplante Strecke etwas zu verkürzen und mit Ben, Lija und Monika heute Abend in der Herberge in Viana do Castelo zu übernachten. Nach wenigen Metern laufe ich an der örtlichen Kirche vorbei, die wegen Fronleichnam bereits geöffnet ist,  und werfe einen Blick hinein. Nach einem kurzen Gebet mache ich mich auf den Weg.
Und wieder werde ich zu Beginn des Tages Reise überrascht: eine ältere Dame über reicht mir freudestrahlend zwei kleine Pfirsiche und wünscht mir eine gute Reise. Wieder eine solche Begegnung, die in Erinnerung bleiben wird. Nach wenigen Schritten durch Marinhas hole ich auch das Epizentrum das Schnarchens ein, nämlich Antonio und Ina, die übrigens hervorragend Deutsch spricht, weil ihr Vater Deutscher war. Eine gute Viertelstunde lang begeite ich die beiden, die scgin gemeinsan den Olavs-Weg in Norwegen gelaufen sind. Dann lasse ich die beiden wieder alleine und ziehe von Dannen. Aktuell ist es noch ein klein wenig neblig.  Ich denke, es dauert aber nicht mehr lange, bis sich der Dunst verzogen hat und der wolkenfreie, sonnige Himmel zum Vorschein kommt.
Gegen 8:15 Uhr erreiche ich in Belinho  eine geöffnete Bar, wo sich schon einige Pilger zum Kaffee niedergelassen haben. Ich bestelle mir bei dem freundlichen Wirt einen Cafe con leche und ein Brötchen mit Schinken und Käse, das frisch zubereitet wird. Als Zugabe erhalte ich noch den ersten Pilgerstempel des heutigen Tages.  Ich darf mich zu zwei jungen Frauen an den Tisch setzen, die sich als Linny und Tina aus der Frankfurter Ecke vorstellen. Die beiden haben die Nacht in der neuen Herberge in Esposende verbracht und waren begeistert. Eine halbe Stunde später mache ich mich wieder auf den Weg und verabschiede mich von den beiden. Wir werden uns wahrscheinlich heute Abend in Viana do Castelo wiedersehen.
Inzwischen ist den Nebelvorhang auch verschwunden und die Sonne kann sich frei entfalten. Und wieder passiert etwas Unvorhergesehenes. Zum ersten Mal habe ich auf dem Caminho in freier Landschaft Netz auf meinem Handy und werde mit einer Nachricht meiner Frau überrascht.
Und diese Überraschungen nehmen kein Ende. Ab einer wunderschönen Stele, beginnt circa zwanzig Meter oberhalb des Rio Neiva ein schmales Tal auf einem Trampelpfad. Das ist Natur pur. Und zugleich ein Genuss für alle Sinne. Es riecht nach Eukalyptus, rechts rauscht der Rio und unsichtbare Vögel tragen dir ein Konzert vor. Dies ist bisher einer der schönsten Abschnitte des Caminhos. Es geht leicht abwärts, und ich muss bei jedem Schritt aufpassen, dass ich auf den felsigen Untergrund keinen falschen Schritt mache. Schließlich erreiche ich an einem kleinen Haus den Rio und überquere diesen über eine schmale Steinbrücke. Dort treffe ich auch meine ersten Wegbegleiter des heutigen Tages und zudem eine finnische Familie. Danach gibt es einen kleinen Anstieg, an dem ich am Wegesrand Ben treffe, der eine Pause macht. Nach einem Smalltalk mache ich mich wieder auf den Weg, wir werden uns später in der Herberge treffen.
Nach den drei ersten flachen Etappen geht es heute zum ersten Mal auch etwas aufwärts. Das ist zunächst ungewohnt und strengt unter der weiter aufziehenden Sonne auch ein klein wenig an. Der Aufstieg in Castelo da Neiva zur Santiago-Kirche mit einem wunderbaren Ausblick. An der Kirche werden die Pilger von einer Pfadfindergruppe in Empfang genommen. Neben einem Pilgerstempel werden wir mit Obst, Brötchen und Getränken versorgt. Die einzige Gegenleistung: ein Lächeln, das wir gerne geben. Der Kirchplatz wird zu einem Sammelbecken von Pilgern. Neben Ben sind auch die Finnen sowie Lija und Monika dort und eine Belgierin.
Anschließend geht es weiter durch kühlen Wald und ich bin immer noch ganz ergriffen von der Herzlichkeit, die uns eben entgegengebracht worden ist. Hier werden wildfremde Menschen mit offenen Armen aufgenommen und versorgt. Da kullern dem Pilger schon am vierten Tag die ersten Tränen aus den Augen vor Rührung. Wie großzügig ist doch Gottes Entschädigung für das unbedeutende Schnarchen in der Nacht, geht es mir durch den Kopf.
Nachdem ich ein ehemaliges Kloster passiert habe, geht es auf wenig befahrenen Landstraßen durch verschlafene Dörfer weiter. In Vila Nova de Anha kann man sich in der Pfarrkirche einen Stempel abholen und sich in das ausliegende Pilgerbuch eintragen. In circa einer halben Stunde sollte ich mein heutiges Tagesziel erreichen. An einer steilen Aufwärtspassage überhole ich ein älteres deutsches Ehepaar, beide tragen die weltbesten Wandersocken von wrightsocks mit der Jakobsmuschel. Die beiden mühen sich hier sehr ab.  Doch schon bald geht es genauso steil abwärts mit schattigen Abschnitten. Von oben kann ich bereits einen Blick auf Viana do Castelo und den Rio Lima erhaschen. Es geht jetzt nur noch abwärts und dann über die Lima-Brücke.
Nachdem wir den ganzen Tag nichts vom Meer gesehen haben, riecht man die See hier förmlich. Denn Viana do Castelo liegt unmittelbar an der Mündung des Rio Lima und hat auch einen eigenen Hafen.
Um 12:30 Uhr stehe ich vor der Albergue São João Da Cruz dos Caminhos, die vom Karmeliterorden zur Verfügung gestellt wird, aber erst um 15:00 Uhr öffnet. Ich vertreibe mir die Wartezeit in einer Bar in einem Park mit einem kleinen Snack. Kurz vor der Öffnungszeit der Herberge begebe ich mich zur Rezeption und werde von Lija, Monika, Ben, Linny und Tina erwartet. Die heutige Besetzung wird komplettiert mit Paul, den beiden Russinen, der Belgierin, weiteren Polen, der Koreanerin Chai, die in Berlin lebt sowie Marja aus den Niederlanden, die Sam, einen Studenten von den Fidji-Inseln unterstützt, der einen behinderten Landsmann mittels Anhänger zieht. Dazu sind noch Gäste aus Portugal und Spanien da.
Die letzte Überraschung des Tages kam gegen Abend: der Autor des Pilgerführers für Caminho Portugues,Raimund Joos,schaute auf einer Recherchetour in unserer Herberge rein, und später trafen wir ihn sogar beim Abendessen zu einem netten Plausch.